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Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik

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Essstörungen - Hintergrund / Einleitung

Welches Gewicht, welche Figur als attraktiv und erstrebenswert gesehen wird, hängt stark vom jeweiligen sozialen und gesellschaftlichen Hintergrund ab. Während in früheren (Mangel-)Zeiten Körperfülle als attraktives und erstrebenswertes Zeichen von Wohlstand bewertet wurde, gilt in den heutigen Zeiten des Nahrungsüberflusses in den industrialisierten Ländern ein extremes Schlankheitsideal. Parallel dazu nimmt durch das permanente Überangebot an Nahrungsmitteln das Vorkommen von krankhaftem Übergewicht immer mehr zu. Die medizinische Einschätzung von normal-, unter- und übergewichtig wird heute durch den sog. Body Mass Index (BMI) wiedergegeben. Der BMI berechnet sich aus Körpergewicht und Körpergröße nach der Formel (Körpergewicht (kg))/(Körpergröße (m))2. Ein BMI<18 gilt als Untergewicht (das entspricht unter 52kg bei 1,70 m Körpergröße), das Normalgewicht bewegt sich von 18-26 (52-75kg bei 1,70 m), über 26 beginnt leichtes Übergewicht, ab 30 (über 87kg bei 1,70 m) spricht man von Adipositas, ab 40 (über 115kg bei 1,70m) von schwerer Adipositas.

Essstörungen sind verbunden mit abnormem Essverhalten, einer gestörten Körperwahrnehmung, intensiver gedanklicher Beschäftigung mit dem Essen mit einer starken Angst vor Gewichtszunahme und ggfs. extremen Diäten bis hin zum Fasten. Sie können mit Untergewicht, Normalgewicht oder Übergewicht auftreten. Die wichtigsten Essstörungen sind die Anorexie, die Bulimie, die Binge Eating Disorder und die Adipositas. Allerdings gehen sie häufig ineinander über – so entwickeln z.B. Frauen, die in der Jugend eine Anorexie hatten, häufig im Anschluss eine Bulimie, bei bulimischen Patientinnen kann auch eine zusätzliche Adipositas vorliegen.

Anorexie

Fallbeispiel Anorexie

Die 17-jährige Martina hat vor zwei Jahren begonnen, Gewicht zu verlieren (von 62 auf 43 kg bei 1,67cm Größe). Zunächst hat sie dafür viel Anerkennung geerntet, mit der Zeit machte sich ihre Familie jedoch immer mehr Sorgen, weil sie so dünn war. Martina fühlt sich jedoch immer noch zu dick und isst nichts außer Naturjoghurt, Salat, Gurken und Äpfeln. Zusätzlich treibt sie täglich eine Stunde Sport.

Bei der Anorexie („Magersucht“) kommt es durch radikale Diäten, Hungern, dem Missbrauch von Entwässerungs- und Abführmitteln und häufig extreme sportliche Betätigung zu Gewichtsverlust mit teilweise starkem Untergewicht, das schwere körperliche Folgen haben kann. Dennoch empfinden sich die Betroffenen als zu dick und bestreiten, an einer Störung zu leiden. Es kommt häufig zu massiven Konflikten in den Familien, weil sich die Eltern große Sorgen um die psychische und körperliche Verfassung ihres Kindes machen.

Betroffen davon sind v.a. junge Frauen (ca. 3% der Frauen zwischen 15 und 19 Jahren), insbesondere wenn sie unter starkem „Figurdruck“ stehen (z.B. Tänzerinnen, Turnerinnen, Models). Die Störung beginnt typischerweise im Jugendalter und tritt verstärkt in sozial bessergestellten Familien bei eher intelligenten Mädchen auf. Sie ist häufig gekoppelt mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Die Ursachen der Anorexie sind nicht vollständig klar. Sicher spielt das extreme Schlankheitsideal industrialisierter Gesellschaften sowie Vererbung eine wichtige Rolle, möglicherweise auch ein strenges Familienklima.

Die Anorexie wird schwerpunktmäßig mit Psychotherapie behandelt, die stationär oder ambulant erfolgen kann. Diese richtet sich zum einen auf die Normalisierung der Ernährungsgewohnheiten (kontrollierte Gewichtszunahme, die durch einen Behandlungsvertrag geregelt wird; Ernährungsberatung, Aufbau eines angemessenen Essverhaltens). Zum anderen wird an einer realistischen Wahrnehmung des eigenen Körpers, am Aufbau des Selbstwertgefühles und sozialer Kompetenzen gearbeitet; teilweise wird auch die Familie in die Therapie miteinbezogen. Im Verlauf zeigen sich bei je einem Drittel der Patientinnen eine völlige Genesung, eine teilweise Besserung bzw. ein chronischer Verlauf häufig mit Vermischung von Anorexie und Bulimie. Nach 15-20 Jahren sind ca. 10-20% der Betroffenen verstorben, entweder durch Suizid oder durch Folgen der chronischen Mangelernährung.

Bulimie

Bei der Bulimie treten regelmäßig Heißhungerattacken auf, in denen große Mengen oft fett- und zuckerreicher Lebensmittel verschlungen und anschließend wieder erbrochen werden. Zusätzlich werden oft Abführmittel missbraucht. Den Betroffenen, die meist normalgewichtig sind, können die Heißhungerattacken nicht verhindern („Kontrollverlust“) und haben deshalb oft starke Schuld- und Schamgefühle und ein extrem geringes Selbstwertgefühl. Häufig treten auch zusätzliche Persönlichkeitsstörungen, Depressionen und Substanzmissbrauch (z.B. Alkohol) auf. Auch die Bulimie kann schwere körperliche Folgen haben.

Sie tritt wie die Anorexie v.a. bei jungen Frauen auf, beginnt aber im Durchschnitt einige Jahre später. Die Therapie ähnelt der Behandlung der Anorexie mit der Ausnahme, dass bei der Bulimie meist kein Vertrag zur Gewichtserhöhung notwendig ist. Die Prognose ist etwas positiver als bei der Anorexie, insbesondere treten bei der Bulimie weniger Todesfälle auf.

Binge Eating Disorder

Eine Binge Eating Disorder liegt vor, wenn regelmäßig Essanfälle auftreten, die nicht von Gegenmaßnahmen wie Erbrechen und dem Missbrauch von Abführmitteln gefolgt werden. Meistens besteht Übergewicht, allerdings haben nur ca. 5% aller Übergewichtigen in der Bevölkerung eine Binge Eating Disorder. Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen, die Therapie entspricht etwa der Therapie der Bulimie mit zusätzlichen Programmen zur Gewichtsreduktion.

Adipositas

Von einer Adipositas spricht man bei einem Übergewicht mit einem BMI>30. Neben den negativen psychischen und sozialen Konsequenzen (Selbstwertproblematik, soziale Ausgrenzung) kann Adipositas zu körperlichen Folgekrankheiten wie Herz- und Stoffwechselkrankheiten, orthopädischen Problemen u.a. führen.

In Deutschland haben ca. 20% aller Erwachsenen eine Adipositas, die Tendenz ist steigend. Sie wird verursacht Erbfaktoren im Zusammenhang mit ungünstigen Ernährungsund Bewegungsgewohnheiten. Die Behandlung besteht aus kontrollierter Gewichtsreduktion (nicht mehr als 0,5kg/Woche!), einer Umstellung der Ernährungsgewohnheiten (z.B. weniger zwischendurch essen) und regelmäßiger sportlicher Betätigung. Allerdings sind die dauerhaften Erfolge bisher wenig befriedigend, nur ca. 20% der adipösen Patienten halten ihr geringeres Gewicht über einen längeren Zeitraum.

letzte Aktualisierung: 25.01.2010
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