von Klaus Lieb, Gitta Jacob
Das Erstellen einer Systematik psychischer Erkrankungen ist schwierig. Dies liegt zum einen daran, dass die Entstehung vieler psychischer Erkrankungen bis heute nicht genau geklärt ist, zum anderen kann sich ein und dieselbe psychische Störung bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich äußern. Dennoch ist eine Systematik psychischer Erkrankungen nötig, um sich orientieren zu können. Nach einer wechselhaften Geschichte der Einteilung psychischer Krankheiten haben sich mittlerweile zwei Systeme etabliert, die einander relativ ähnlich sind, nämlich das „DSM-IV“ (Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen in der 4. Version, in den USA verwendet) und die „ICD-10“ („International Classification of Diseases“ in der 10. Version). Da in Deutschland die ICD-10 gebräuchlich ist, wird diese Klassifikation auch im vorliegenden Buch verwendet.
Die ICD-10 teilt psychische Erkrankungen im Wesentlichen nach ihrer Symptomatik, dem Schweregrad und dem Verlauf ein. Tabelle 1-1 gibt eine Übersicht über die diagnostischen Hauptgruppen der ICD-10, nach denen auch der vorliegende Band geordnet ist. Tab. 1-1 Diagnostische Hauptgruppen der ICD-10
F 0
Organische psychische Störungen
F 1
Suchterkrankungen (Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen)
F 2
Schizophrenien und andere psychotische Störungen
F 3
Affektive Störungen (Depression, Manie, bipolare Störung)
F 4
Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
F 5
Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung mit körperlichen Störungen oder Faktoren
F 6
Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
F 7
Intelligenzminderung
F 8
Entwicklungsstörungen
F 9
Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen
Einige der Krankheitsgruppen sollen hier kurz definiert werden:
- Den organischen psychischen Störungen liegt eine definierte körperliche oder eine Hirn-Erkrankung zugrunde. Ein Beispiel ist die Alzheimer-Demenz.
- Bei den Suchterkrankungen bestehen psychische, körperliche und/oder soziale Störungen durch den Gebrauch von Medikamenten, Drogen oder Alkohol.
- Bei den Schizophrenien und anderen psychotischen Störungen stehen abnorme Erlebnisweisen im Vordergrund der Symptomatik, die die Wahrnehmung (z.B. Halluzinationen), das Denken (z.B. Denkzerfahrenheit und Wahnvorstellungen) und das Ich-Erlebnis (z.B. das Gefühl, die Gedanken sind nicht mehr die eigenen, sondern werden von außen eingegeben) betreffen.
- Zu den affektiven Störungen gehören die traurige Verstimmung (Depression) und die euphorisch/gereizte Stimmung (Manie), die sich auch abwechseln können (manischdepressive oder bipolare Störung).
- Unter Belastungs- und Anpassungsstörungen versteht man psychische Reaktionen auf akute oder chronische Stressoren, die über das normal zu erwartende Maß hinausgehen.
- Zu den Angststörungen gehören die Phobien, die panikartig auftretende Angst (Panikstörung) und die generalisierte Angststörung.
- Bei den dissoziativen Störungen kommt es zu einer Desintegration der normalerweise intakten Funktionen des Bewusstseins, Gedächtnisses, des Identitätserlebens oder der Wahrnehmung der Umwelt. Beispiele sind dissoziative Lähmungen oder dissoziative Bewusstseinsstörungen.
- Die somatoformen Störungen im allgemeinen Sinne bezeichnen körperliche Beschwerden ohne nennbare organische Ursache. Hierzu zählen die Somatisierungsstörungen unter Beteiligung verschiedener Organsysteme, die Hypochondrie sowie die somatoforme Schmerzstörung.
- Bei den Persönlichkeitsstörungen liegen tief verwurzelte, anhaltende und weitgehend zeitüberdauernde Verhaltens- und Erlebnismuster vor, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen manifestieren. Meist gehen diese Störungen mit persönlichem Leiden und gestörter sozialer Funktionsfähigkeit einher. Neben zahlreichen eher syndrom-orientierten Unterformen gehören die Borderline-Störung und die narzisstische Störung zu den Persönlichkeitsstörungen.
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letzte Aktualisierung: 11.02.2010