akutklinik bad saulgau neu

medführer Startseite » Psychische Erkrankungen » Krankheiten » Somatopsychische Störungen » Hintergrund / Einleitung

Somatopsychische Störungen - Hintergrund / Einleitung

von Paul L. Janssen

Somatopsychische Störungen, das sind Krankheitsverarbeitungsstörungen, z.B. bei Krebserkrankungen, Transplantationen, Dialyse sowie bei chronischen somatischen Erkrankungen. Chronische Krankheiten meint eine Vielzahl von Erkrankungen, z.B. vaskuläre Erkrankungen, Diabetes mellitus, chronische Hauterkrankungen, rheumatische Erkrankungen usw. Die psychischen Störungen werden in der Regel verschlüsselt nach F-Diagnosen plus einer somatischen Diagnose. Die F-Diagnosen sind z.B. F 33, F 34, F 40, F 41, F 42.

Chronische Erkrankungen stellen den Betroffenen vor vielfältige psychische und soziale Herausforderungen:

  • Emotionale Bewältigung der inneren und äußeren Bedrohung und der damit in Verbindung stehenden Gefühle
  • Verunsicherungen hinsichtlich seiner sozialen Rolle und Aufgabe (Veränderung der Beziehung zur Familie, Freunden und des Arbeitslebens)
  • Medizinische Anpassungsforderung, Beziehung mit dem Medizinpersonal, neue Umgebung bei Hospitalisierung, Auswirkung der Therapie
  • Selbstintegrität und Wohlbefinden müssen wieder erarbeitet oder so gut wie möglich erhalten werden
  • Ein verändertes neues Selbstbild mit ungewisser Zukunft hinsichtlich des Krankheitsverlaufes muss erarbeitet werden.

Die Bewältigungsanforderungen sind in Abbildung 5-1 wiedergegeben

Bewältigungsanforderungen

Abb. 5-1 (Schüßler „Krankheitsverarbeitung bei chronischen Erkrankungen“ In: Janssen, Joraschky, Tress. Leitfaden Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Dt. Ärzteverlag 2005)

Die innerpsychischen Folgen einer chronischen Erkrankung können sein:

  • Narzisstische Kränkung (Angst, Scham, Depression) – „Ich (mein Körper) bin nichts mehr wert“
  • Angst vor Beziehungsverlust (Angst, Depression, Schuldgefühle) – „Ich verliere meinen Beruf, meine Freunde, meinen Partner“
  • Verleugnungsarbeit (Schweregrad der Erkrankung) – „So schlimm ist es nicht“ – Abhängigkeit von Bezugspersonen – „Ich kann alleine – ich brauche andere“
  • Verarbeitung von Wut und Enttäuschung – „Warum ich“ –„Ich muss mich beherrschen, sonst verprelle ich andere“

Bei einem Teil der Patienten tritt neben den Einschränkungen durch die körperlichen Erkrankungen ein Trauerprozess auf. Bei einem weiteren Teil der Patienten auch seelische Störungen, insbesondere depressive Störungen und Angststörungen (Anpassungsstörungen, reaktive Depression). Die verschiedenen Depressionsformen und therapeutischen Ansätze sind in Abb. 5-3 beschrieben.

Differentialdiagnose und –therapie depressiver Störungen bei körperlich Kranken

  • Symptome, die ursächlich auf die körperliche Erkrankung zurückgehen, z.B. Gewichtsverlust, Schlaflosigkeit, Lustlosigkeit, Kraftlosigkeit müssen von depressiven Symptomen (cave: Fehldiagnose!) abgegrenzt werden
  • Depressive Störungen sind Folge der organischen Erkrankung/Behandlung (Durchgangssyndrome, Cortisonbehandlung usw.) – wenn möglich, ursächliche Behandlung, psychopharmakologische Behandlung, ärztlich-stützende Gespräche
  • Depression als Reaktion auf die Erkrankung (Anpassungsstörung) – ärztliche Psychotherapie bis zur Fachpsychotherapie
  • Depressive Störungen, die bereits vor der Erkrankung bestanden oder wieder ausgelöst wurden – je nach Schwere ärztliche Psychotherapie, Fachpsychotherapie, psychopharmakologische Behandlung
  • Multikausale Störung: Brain, Drug and Mind – z.B. HIV-Patient mit zentralnervösem Befall, eingreifender Medikation und seelischer Reaktion auf die Erkrankung
  • Missbrauch von Suchtstoffen und Medikamenten, um den körperlichen und seelischen Auswirkungen der Erkrankung zu entfliehen (z.B. Benzodiazepine) – Entzug- und Entwöhnungstherapie, Fachpsychotherapie

Als Therapie kommt eine Unterstützung der Krankheitsverarbeitung in Frage, z.B. durch:

Als Beispiel für eine Störung sei die Verarbeitung bei Krebserkrankungen aufgeführt.

Beispiel Krankheitsverarbeitung bei Krebserkrankung

An Krebs zu erkranken, bedeutet für die Betroffenen und Angehörigen zumeist eine existentielle Lebenskrise. Das subjektive Krankheitserleben ist geprägt von

  • Todesdrohung – Ungewissheit des Verlaufes
  • Verlust von Organen, Körperteilen und Funktionen
  • eingreifenden Behandlungsmaßnahmen, die einerseits helfen und heilen, andererseits verstümmeln, vergiften, verstrahlen oder verbrennen.

Durch die erzielten Behandlungserfolge bei Krebs ist jedoch inzwischen die Krankheitsbewältigung der Betroffenen und ihrer Angehörigen, d.h. die subjektive Realitätsanpassung und die aktive Auseinandersetzung damit sowie die Kooperation mit professionellen Helfern besonders gefordert.

Bei malignen Krebserkrankungen finden sich in fast 50% der Fälle zusätzlich psychosomatische Erkrankungen. Sie äußern sich in Krisenreaktionen, Depressionen, Anpassungsstörungen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen. Eine "Krebspersönlichkeit" konnte jedoch bisher nicht nachgewiesen werden. Die vorgenannten Persönlichkeitsfaktoren sind für die Krankheitsbewältigung, die Bereitschaft zur Mitarbeit sowie die Sekundärprävention relevant. Für die psychotherapeutische Behandlung gelten dieselben Leitlinien wie für die bevorstehend angegebenen chronischen Erkrankungen.

letzte Aktualisierung: 20.05.2012

Als Autor anmelden

Spezialisten finden

Hier finden Sie Ihren Psychiater und Psychotherapeuten

Ärzte fragen

Sie suchen einen Spezialisten?
medführer hilft Ihnen weiter.
Senden Sie Ihre Anfrage an unsere Ärzte in Kliniken und Praxen.

zum Anfrageformular

Anzeigen Service