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Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik

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Psychosomatische Persönlichkeitsstörung - Hintergrund / Einleitung

von Paul L. Janssen

Persönlichkeitsstörungen sind krankwertige Störungen der interpersonellen Kommunikation. Sie umfassen tief verwurzelte und anhaltende Verhaltensmuster mit Auffälligkeiten im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in der Beziehungsgestaltung. Patientinnen und Patienten mit Persönlichkeitsstörungen erleben Denken, Fühlen und Handeln in einer Weise, die ihre psychosoziale Anpassung erschwert und Leiden verursacht, bei ihnen selbst oder bei ihren Interaktionspartnern.

Persönlichkeitsstörungen beginnen in der Kindheit und Adoleszenz und dauern bis ins Erwachsenenalter. Persönlichkeitsstörungen sind weit verbreitet. Es sollen 10 % der Allgemeinbevölkerung die Diagnosekriterien einer Persönlichkeitsstörung erfüllen. Ätiologisch liegen verschiedene Konzepte vor. Insbesondere belastende Lebensumstände führen zu nachhaltigen Störungen der Persönlichkeitsentwicklung. Persönlichkeitsstörungen sind häufig auch mit psychosomatischen Störungen assoziiert. In der ICD-10 Klassifikation unterscheidet man:

Paranoide Persönlichkeitsstörung (F.60.0)

Patienten mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung:

  • zeigen ein die Persönlichkeit beherrschendes, nicht gerechtfertigtes Misstrauen gegenüber anderen Menschen
  • haben die Neigung, anderen Menschen bösartige Motive zu unterstellen
  • neigen dazu, Erlebtes zu verdrehen, indem neutrale oder freundliche Handlungen anderer als feindlich oder verächtlich missdeutet werden
  • zeigen besonders häufig ein ungerechtfertigtes Misstrauen gegenüber der sexuellen Treue des Ehe- oder Sexualpartners
  • sind meist überempfindlich gegenüber Kritik
  • neigen aufgrund ihres übersteigerten Bedürfnisses nach Autonomie dazu, in eine oppositionelle Haltung zu geraten und aggressiv zu reagieren.

Schizoide Persönlichkeitsstörung (F60.1)

Patienten mit einer schizoiden Persönlichkeitsstörung:

  • zeigen eine Neigung zur sozialen Isolierung und zum Einzelgängertum
  • haben keine oder kaum enge Beziehungen außer im Kreis der Verwandten ersten Grades
  • sind in interpersonellen Beziehungen kühl und emotional distanziert, wirken unnahbar und haben eine geringe Fähigkeit, warme und zärtliche Gefühle oder auch Ärger anderen gegenüber zu zeigen
  • sind oft gleichgültig gegenüber sozialen Regeln, aber auch gegenüber Lob und Kritik durch andere Menschen
  • zeigen oft wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einer anderen Person.

Dissoziale Persönlichkeitsstörung (F60.2)

Patienten mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung:

  • zeigen eine deutliche und überdauernde Verantwortungslosigkeit und Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen
  • haben meist eine geringe Frustrationstoleranz – sind egozentrisch und unfähig zu wirklicher Liebe und Bindung
  • zeigen eine niedrige Schwelle für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten
  • sind oft oberflächlich charmant, aber falsch und unaufrichtig
  • kennen weder Reue noch Schamgefühl
  • verfügen nicht über die Fähigkeit, sich selbst mit den Augen anderer zu sehen
  • sind nicht in der Lage, sich in andere Menschen hineinzuversetzen (Empathie-Mangel).

Histrionische (hysterische) Persönlichkeitsstörung (F 60.4 )

Patienten mit einer histrionischen Persönlichkeitsstörung:

  • neigen zu einem übertriebenen Ausdruck von Gefühlen
  • haben ein gesteigertes Verlangen nach Aufmerksamkeit und Bewunderung
  • neigen zu Theatralik und Dramatisierung
  • haben eine Tendenz zu unangemessen sexuell verführerischem und provokant-manipulativem Verhalten
  • sind suggestibel und leicht beeinflussbar
  • verlangen nach aufregender Spannung und nach Aktivitäten, bei denen sie im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen
  • neigen zu manipulativen Verhaltensweisen zur Befriedigung eigener Bedürfnisse.

Anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung (F 60.5)

Patienten mit einer anankastischen (zwanghaften) Persönlichkeitsstörung:

  • neigen zur Genauigkeit und Gewissenhaftigkeit bis zur Pedanterie
  • zeigen eine übertriebene Ordnungsliebe und Rigidität
  • neigen zu Perfektionismus
  • neigen zu starkem Zweifel und verstärkter Vorsicht
  • haben eine Vorliebe für Details, Regeln, Listen, Ordnung, Organisation oder Schemata
  • sind in ihrer Genussfähigkeit eingeschränkt
  • leiden oft unter dem Auftreten unerwünschter Gedanken und Impulse.

Ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung (F 60.6)

Patienten mit einer ängstlichen (vermeidenden) Persönlichkeitsstörung:

  • neigen zu andauernden und intensiven Gefühlen von Anspannung und Besorgtheit
  • haben die Vorstellung, sozial minderwertig, unattraktiv oder anderen unterlegen zu sein
  • zeigen eine übertriebene Erwartung, von anderen kritisiert oder zurückgewiesen zu werden
  • vermeiden soziale oder berufliche Aktivitäten, die zwischenmenschlichen Kontakt voraussetzen, aus Furcht vor Kritik, Missbilligung oder Zurückweisung
  • sind in ihrem Lebensstil durch das Bedürfnis nach Sicherheit eingeschränkt.

Asthenische (abhängige) Persönlichkeitsstörung (F 60.7)

Patienten mit einer asthenischen (abhängigen) Persönlichkeitsstörung:

  • zeigen ein abhängiges Beziehungsmuster
  • neigen zu Gefügigkeit und Unterordnung gegenüber Personen, zu denen eine abhängige Beziehung besteht
  • neigen dazu, wichtige Lebensentscheidungen an andere zu delegieren
  • sind voller Hilflosigkeit und Angst, nicht für sich selbst sorgen zu können
  • verlassen sich bei kleineren oder größeren Lebensentscheidungen passiv auf andere Menschen
  • haben große Trennungsangst
  • haben Angst, von einer Bezugsperson verlassen zu werden und für sich selbst sorgen zu müssen
  • versagen gegenüber den Anforderungen des täglichen Lebens
  • wirken kraftlos im intellektuellen (und) emotionalen Bereich
  • haben die Tendenz, bei Schwierigkeiten die Verantwortung anderen zuzuschieben.

Aus: Wöller, W., Tress, W.: Persönlichkeitsstörungen, In: Janssen, P. L., Joraschky, P., Tress, W. Leitfaden der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie. Dt. Ärzteverlag 2005.

Die Behandlung der Persönlichkeitsstörung umfasst Krisenintervention und eine längerfristige Bearbeitung der Beziehungsstörungen. Behandlung der Wahl ist die Psychotherapie. Psychopharmaka haben lediglich eine unterstützende Funktion. An psychotherapeutischen Methoden können eingesetzt werden: modifizierte analytische Ansätze mit strukturbildenden psychotherapeutischen Maßnahmen zum Aufbau von defizitären Ich-Strukturen wie Affektsteuerung, Impulskontrolle, Affektdifferenzierungen, Verbesserung der interpersonellen Kompetenz.

Verhaltenstherapeutische Ansätze mit umfassendem Sozialtraining, systematischer Desensibilisierung und Expositionsbehandlung.

Kognitive Therapieansätze bei Persönlichkeitsstörungen zielen auf die Modifikation dysfunktionaler Überzeugung über die eigene Person und die Welt. Bei traumatisierten Patienten sind traumaorientierte Psychotherapien einzusetzen.

Sehr häufig werden Persönlichkeitsstörungen stationär psychotherapeutisch behandelt, wobei insbesondere bei den Borderline- Störungen spezielle Therapieprogramme auch für die stationäre Psychotherapie entwickelt wurden, wie z.B. die übertragungsfokussierte Psychotherapie oder die dialektisch-behaviorale Psychotherapie.

letzte Aktualisierung: 25.01.2010
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