Dissoziative Störungen
Bei dissoziativen Störungen werden Gedächtnisinhalte, Körperwahrnehmungen oder Bewegungen vom normalen Bewusstsein abgespalten und stehen nicht mehr unter der Kontrolle des Betroffenen. Bei körperlichen Funktionen kann sich das in Form von lähmungs- oder krampfartigen Erscheinungen zeigen, ohne dass organische Auffälligkeiten vorliegen. Bei dissoziativem Gedächtnisverlust z.B. können sich die Betroffenen an bestimmte Ereignisse, an denen sie aktiv beteiligt waren, nicht mehr erinnern. Bei dissoziativen Krampfanfällen zeigen die Patienten Symptome eines epileptischen Anfalls, ohne dass sich im Gehirn Krampfaktivität nachweisen lässt. Bei dissoziativen Lähmungen können die Patienten z.B. nicht mehr gehen, obwohl sich keine körperliche Ursache dafür nachweisen lässt. Dissoziative Störungen beginnen häufig im Zusammenhang mit einem belastenden Ereignis; dieser Zusammenhang kann für Außenstehende sehr deutlich sein, wird von den Betroffenen jedoch typischerweise verneint.
Zu den dissoziativen Störungen zählt auch die dissoziative Identitätsstörung oder multiple Persönlichkeitsstörung, deren Häufigkeit relativ unklar ist. Ihr Hauptmerkmal ist die Aufspaltung des Ichs in zwei oder mehr unterschiedliche „Identitäten“, die als völlig voneinander getrennt erscheinen können. Für die Entstehung dieser dissoziativen Störungen sollen extrem schwere Kindheitstraumata verantwortlich sein. Wissenschaftlich ist diese Störung wenig untersucht. Die Häufigkeit dissoziativer Störungen ist nicht sehr klar, da die Patienten häufig als körperlich krank betrachtet und jahrelang somatisch behandelt werden. Insgesamt sollen zwischen 0,5 und 4,5 % aller Menschen betroffen sein, Frauen dreimal so häufig wie Männer. Bei den Betroffenen treten häufig gleichzeitig andere Störungen, insbesondere Persönlichkeitsstörungen oder somatoforme Störungen auf. Sie können plötzlich auftreten und nach einigen Wochen oder Monaten ebenso plötzlich wieder verschwinden. Wenn sie länger als zwei Jahre anhalten, ist der unbehandelte Verlauf oft chronisch.
Dissoziative Störungen sollten psychotherapeutisch behandelt werden. Ziel ist dabei, dass der Patient die psychische Natur seines Leidens versteht und nach psychischen oder sozialen Lösungswegen sucht. Das ist häufig insofern schwierig, als die Betroffenen fest davon überzeugt sind, an einer körperlichen Erkrankung zu leiden, und sich von ihren Behandlern als Simulanten abgestempelt sehen, wenn sie in psychotherapeutische Behandlung überwiesen werden.
Dr. Gitta Jacob
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