Belastungsstörungen (akute Belastungsreaktion, Anpassungsstörung, Posttraumatische Belastungsstörung) sind direkt verursacht durch eine einmalige schwere Belastung („Trauma“) wie eine Naturkatastrophe, das Erleben einer Gewalttat, eine Vergewaltigung o.ä. oder auch durch längerdauernde schwere Belastungen (z.B. längerer sexueller Missbrauch). Die Symptomatik solcher übermäßigen Reaktionen auf Belastung kann sehr unterschiedlich ausfallen. Es ist zu bedenken, dass es grundsätzlich normal ist, nach Traumata oder schlimmen Lebensereignissen mit Traurigkeit, Angst, Schrecken, Schlafstörungen etc. zu reagieren. Als psychische Störung werden solche Reaktionen erst dann bezeichnet, wenn sie „normale“ Reaktionen erheblich übersteigen und mit deutlichem Leid und/oder Verminderung von Leistungsfähigkeit verbunden sind.
Akute Belastungsreaktion
Als akute Belastungsreaktion wird eine Symptomatik bezeichnet, die in den Stunden unmittelbar nach einem belastenden Ereignis auftritt und nach maximal 48 Stunden wieder abklingt ("Nervenzusammenburch", psychischer Schock). Dabei treten Gefühle der inneren Leere, Verzweiflung und Angst, u.U. auch Suizidgedanken auf. Es ist wichtig, Betroffene nicht alleine zu lassen und sie bei ihrer Stabilisierung zu unterstützen ("Krisenintervention").
Anpassungsstörungen
Fallbeispiel Anpassungsstörung
Eine 34-jährige verheiratete Mutter von zwei kleinen Kindern stellt sich auf Anraten ihres Hausarztes beim Psychotherapeuten vor. Eigentlich sei es ihr in den letzten Jahren recht gut gegangen, bis ihr vor drei Wochen ihr Ehemann eröffnet habe, dass er über das Internet eine andere Partnerin kennen gelernt habe und sich von ihr trennen wolle. Sie wohnten aktuell noch in derselben Wohnung in getrennten Zimmern, er sei auf Wohnungssuche. Seit diesem Ereignis fühle sie sich verzweifelt, sei häufig gereizt, habe starke Ängste vor der Zukunft, könne schlecht schlafen und müsse häufig weinen. Sie sei noch in der Lage, ihren Halbtagsjob zu versehen, das verschaffe ihr sogar etwas Abwechslung und lenke sie ab, genauso wie Treffen mit Freunden. Sobald sie jedoch in der Wohnung sei, treten alle Symptome wieder auf und sie wisse nicht, wie es weitergehen solle.
Bei der Anpassungsstörung treten unterschiedliche Symptome wie Angst, Sorgen und Anspannung auf, die für den Betroffenen starkes Leid bringen. Sie beginnt innerhalb eines Monats nach dem auslösenden Ereignis und dauert maximal mehrere Monate. Auslösende Ereignisse können akute Ereignisse wie der Tod oder die schwere Erkrankung eines Angehörigen sein, es kann sich dabei aber auch um länger dauernde Belastungen, z.B. Eheprobleme oder Schwierigkeiten am Arbeitsplatz handeln.
Behandelt sollte die Anpassungsstörung vorwiegend ambulant psychotherapeutisch, wobei neben ggfs. notwendiger Krisenintervention Unterstützung bei der Verarbeitung des auslösenden Ereignisses sinnvoll ist. Evtl. kann dazu kurzfristig auch ein beruhigendes Medikament verordnet werden.
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
Fallbeispiel PTBS
Eine 24-jährige Studentin wendet sich an die Ambulanz einer Fachklinik für Psychosomatik wg. starker Ängstlichkeit, Schlafstörungen, Gereiztheit und schlechter Stimmung. Diese Symptome bestünden, seit sie vor 4 Monaten beim nächtlichen Heimkommen von einem Unbekannten vor ihrer Wohnung überfallen worden sei. Beim Abschließen ihres Fahrrades habe sie einen schweren Schlag auf den Kopf bekommen, danach könne sie sich an nichts mehr erinnern bis zu dem Zeitpunkt 25 Minuten später, als sie wieder zu sich gekommen sei. Ihr Geldbeutel sei weg gewesen und sie habe durch den Schlag und den darauf folgenden Sturz erhebliche Verletzungen erlitten. Seitdem habe sie ihr Fahrrad nicht mehr berührt, könne nach Einbruch der Dämmerung nicht mehr alleine hinaus und habe ständige Alpträume. Auch tagsüber laufe das Ereignis immer wieder wie im Film ab.
Abb. 6-1Posttraumatische Belastungsstörungen können nach schweren Unfällen wie z.B. dem Zugunglück von Eschede bei Verletzten und Helfern auftreten.
Die PTBS tritt nach schwersten, katastrophalen Belastungssituationen wie Überfällen, Vergewaltigungen oder Folter auf. Als Symptome treten ein ständiges Wiedererinnern und Wiedererleben des Traumas („Flashbacks“) auf, häufig Alpträume, zusätzlich eine Vermeidung von Situationen, die daran erinnern, eine Abflachung des emotionalen Erlebens und eine körperliche Übererregung. Viele Betroffene schämen sich für das Erlebte und die Störung und suchen deshalb oft erst spät oder nie psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung auf. Häufig kommt es auch zum Missbrauch von Alkohol oder Beruhigungsmitteln, um die Symptome selbstständig in den Griff zu bekommen, was eine komplizierte Suchtproblematik nach sich ziehen kann.
Ca. 60% aller Menschen erleiden im Laufe ihres Lebens ein Trauma, es erkranken jedoch nur 5-10% an einer PTBS, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Je nach Art des Traumas ist die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer PTBS sehr unterschiedlich (ca. 70% nach Vergewaltigung, 35% nach Kriegseinsätzen, 8% nach Unfällen, 5% nach Naturkatastrophen).
Die PTBS sollte vorwiegend psychotherapeutisch behandelt werden, wobei zunächst Stabilisierung z.B. durch Entspannungstrainings, angenehme Beschäftigungen oder Besinnung auf die eigenen Stärken sowie der Abbau von sozialem Rückzug wichtig ist. Im Anschluss ist es häufig sinnvoll, sich mit der traumatischen Situation auseinanderzusetzen, anstatt sie dauernd zu vermeiden. Das kann erfolgen durch Nacherleben des Erlebten in Gedanken, aber auch durch das Aufsuchen des Ortes des traumatischen Geschehens. Die Psychotherapie kann ggfs. durch eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva ergänzt werden.
Andauernde Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastung
Nach besonders schweren, langanhaltenden und wiederholten Traumata (z.B. Folterung, gefährlicher Einsatz in Kriegs- oder Katastrophengebieten, extreme familiäre Gewalt) können sich auch dauerhafte Veränderungen der Persönlichkeit einstellen.
Die Betroffenen fürchten auch nach Ende der Gefahr, dass sich die Ereignisse wiederholen könnten, sie sind extrem misstrauisch gegenüber ihrer Umwelt, und leiden häufig unter chronischen Schlafstörungen und anderen körperlichen Beschwerden. Manche Betroffene fallen dadurch vollständig aus ihrem bisherigen sozialen Rahmen heraus.
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