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Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik

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Allgemeine Informationen

Die medizinischen Beiräte / Mitherausgeber Prof. Dr. med. Dr. phil. U. Koch, Prof. Dr. med. H. Saß, Prof. Dr. med. K. Lieb, Prof. Dr. med. Paul L. Janssen, die medizinischen Fachgesellschaften und medführer begrüßen Sie auf dem medfüher- Fachportal Psychische u. Psychosomatische Erkrankungen.

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Psychosomatik


von Paul L. Janssen

Definition und Ursprung der Psychosomatik

Unter Psychosomatik – abgeleitet vom griechischen"psyche" (Atem, Hauch, Seele) und"soma" (Körper, Leib) – versteht man die medizinisch- psychologische Krankheitslehre, die psychischen Prozessen bei der Entstehung körperlicher Leiden eine wesentliche Bedeutung beimisst.

Die Psychosomatische Medizin hat ihre Wurzeln in der Antike, z.B. schrieb Hippokrates der Psyche eine Bedeutung bei der Entstehung von Krankheiten zu. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich mehr eine Medizin der Naturvölker und es gab eine Periode primitiver Heilkunst, magischen Heilens, Magnetismus, Mesmerismus bis hin zum Hypnotismus.

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Freud und seine Schüler die Theorie und Methode der Psychoanalyse. Mit dieser Entwicklung stellten sie diagnostische und therapeutische Konzepte zur Verfügung, die Anwendung bei umweltbedingten, psychogenen Krankheiten mit Störung der psychischen und körperlichen Funktion (Neurosen) und/oder der Persönlichkeitsstruktur fanden. Es entstand eine Linie der Psychosomatischen Medizin, die als Gegenbewegung gegen die rein naturwissenschaftlich orientierte Medizin verstanden wurde. Insgesamt hatte sie drei Traditionen:

  • Die holistische (das Ganze betreffend), d.h. jede Krankheit hat nach dem bio-psychosozialen Krankheitsmodell auch psychosoziale Aspekte.
  • Die psychogenetische, d.h. psychische oder körperliche Symptome sind auf innere Konflikte zurückzuführen (Konversionsmodell).
  • Die psychophysiologische, d.h. Krankheit steht auch mit Stress in Verbindung.
  • Die Verhaltensmedizin als letzte Entwicklung in der Psychosomatischen Medizin: d.h. aus der experimentellen Analyse von Verhalten lassen sich zur Evaluation, Prävention und Behandlung körperlicher Erkrankungen oder physiologischer Funktionsstörungen Verfahren ableiten.

Der Überblick über die verschiedenen psychosomatischen und psychoneurotischen Krankheitskonzepte, die unter dem Begriff des bio-psychosozialen Krankheitsmodells zusammengefasst werden, gründet auf verschiedene Theorien, z.B. auf den anthropologisch- psychosomatischen Konzepten, den Beiträgen der Psychoanalyse, den Beiträgen der Psychophysiologie, der Psychologie, der Lernpsychologie, der Entwicklungspsychologie und der Bindungstheorie und auch der Neurobiologie. Eine einheitliche Theorie wie bei manchen medizinischen Disziplinen liegt nicht vor. Verschiedene Theorien prägen daher die Auffassungen über Krankheitsbilder und Behandlungskonzepte.

Aus dieser Entwicklung heraus definiert die Muster-Weiterbildungsordnung der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie folgendermaßen:„Die Psychosomatische Medizin und Psychotherapie umfasst die Erkennung, psychotherapeutische Behandlung, Prävention und Rehabilitation von Krankheits- und Leidenszuständen, an deren Verursachung, deren subjektiver Verarbeitung psychosoziale Faktoren und/oder körperlich-seelische Wechselwirkungen maßgeblich beteiligt sind.“ 5.2 Klassifikation der psychosomatischen Störungen Psychosomatische / psychogene Erkrankungen sind Störungen, bei denen psychosoziale Ursachen im Vordergrund stehen. Es sind Erkrankungen, die Ausdruck einer individuellen konflikthaften oder traumatisch-situationsbezogenen Erlebnisverarbeitung sind. In Auslösung und Verlauf besteht eine Abhängigkeit von objektiv-sozialen Einflüssen, von der psychischen Erlebniswirklichkeit und den

Klassifikation der psychosomatischen Störungen

Psychosomatische / psychogene Erkrankungen sind Störungen, bei denen psychosoziale Ursachen im Vordergrund stehen. Es sind Erkrankungen, die Ausdruck einer individuellen konflikthaften oder traumatisch-situationsbezogenen Erlebnisverarbeitung sind. In Auslösung und Verlauf besteht eine Abhängigkeit von objektiv-sozialen Einflüssen, von der psychischen Erlebniswirklichkeit und den individuellen Bewertungsprozessen und damitvon der psychosozialen Gesamtbiografie.Mit Ausnahme von Posttraumatischen Belastungsstörungenhandelt es sich bei diesenErkrankungen um symptomatische Korrelateunbewusster, im Rahmen aktueller emotionalerKonfliktsituationen reaktivierte kindlicheEntwicklungskonflikte und -defizite oder infantileTraumatisierungen. Die Konflikteführen in Auslösesituationen (z.B. Trennung,Kränkung, Erregungsüberflutung) zu symptomatischerManifestation.

Zu den psychosomatischen Erkrankungen gehören körperliche und seelische Krankheitszustände, die im Regelfall nach den somatischen ICD-10-Kapiteln und den F-Kapiteln 3, 4, 5 und 6 verschlüsselt werden. Die nachstehend aufgeführte Klassifikation ist nicht streng nach dem Ordnungsprinzip der ICD-10 gegliedert, da die neurosenpsychologische Einteilung in der ICD-10 nicht berücksichtigt wird, diese jedoch für die Diagnosegruppen der psychosomatischen und psychoneurotischen Störungen unverzichtbar sind. Zu den psychosomatischen Krankheiten und den psychosozial bedingten Erkrankungen gehören:

  1. Psychosomatische Krankheiten im engeren Sinne, d.h. somatische Erkrankungen mit Beteiligung von psychosozialen Faktoren, z.B. Herzinfarkt, Hypertonus, Colitis, Hauterkrankungen usw. Diese Erkrankungen können verbunden sein mit psychoneurotischen Erkrankungen wie die Erkrankungen im früheren Klassifikationssystem genannt wurden. In der ICD- 10 werden sie unter F 54 leider undifferenziert zusammengefasst.
  2. Somatopsychische Störungen, das sind Krankheitsverarbeitungsstörungen, z.B. bei Krebserkrankungen, Transplantationen, Dialyse, bei chronischen somatischen Erkrankungen mit entsprechenden psychischen Auswirkungen, die z.B. verschlüsselt werden nach F 32, F 33, F 34, F 40, F 41, F 42.
  3. Somatoforme Störungen (F 45, F 45.1, F 45.2, F 45.3) und die große Gruppe der somatoformen autonomen Funktionsstörungen, z.B. des Herzens, des Magen- Darm-Traktes, der Atmung und des Urogenitalsystems. Auch hier besteht ein Zusammenhang mit den neurotischen Störungen und Persönlichkeitsstörungen, z.B. mit Depressionen (s.u.), Ängsten (s.u.), Zwängen (s.u.). Zu dieser Gruppe gehören auch die somatoformen Schmerzstörungen (F 45.5) und die sonstigen neurotischen Störungen (F 48).
  4. Konversionsstörungen und dissoziative Störungen (F 44.0 - F 44.9).
  5. Störungen des Essverhaltens (F 50.0 - F 50.9).
  6. Posttraumatische Belastungs- und Anpassungsstörung (F 43).
  7. Psychosozialbedingte Störungen, Psychoneurosen (unter den affektiven Störungen, den Angststörungen und den Zwangsstörungen).
  8. Störungen der sexuellen Entwicklung, der sexuellen Identität (F 52.0 - F 52.9 und F 64, F 65, F 66).
  9. Artifizielle Störungen (F 68.1)
  10. Persönlichkeitsstörungen (F 60, F 61, F 63).

Bei all diesen Erkrankungen kann eine psychosoziale Verursachung im Vordergrund stehen und die Psychotherapie das dominierende Behandlungsverfahren sein.

Wie häufig sind psychosomatische/ psychogene Störungen

Nach einigen epidemiologischen Studien sind sie in der Gesamtbevölkerung der industriellen Nationen sehr häufig. Nach der Mannheimer Kohortenstudie z.B. waren 26 % der Untersuchten zum Untersuchungszeitpunkt als Fälle einer psychogenen Erkrankung einzustufen. Über 2 Jahrzehnte ermittelte diese Studie eine hohe Prävalenz (Vorherrschen) psychogener Störungen. Spätere epidemiologische Untersuchungen bestätigten die Mannheimer Befunde. Nach den Angaben des Bundesgesundheitssurvey z.B. liegen 17,2 % affektive, vorwiegend depressive Störungen vor, 7,5 % somatoforme Störungen, 9 % Angststörungen (vgl. auch„Rund um die Psychiatrie“).

Psychosomatische/psychogene Störungen sind in der primärärztlichen Versorgung sehr häufig anzutreffen. Die Langzeitstabilität der Gesamtbeeinträchtigung psychogener körperlicher, psychischer und sozial kommunikativer Beschwerden war über 10 Jahre nahezu konstant, d.h. die Erkrankungen neigen zur Chronifizierung.

Einige Krankheitsbilder der Psychosomatischen Medizin

Im Folgenden sollen kurz einige Krankheitsbilder erwähnt werden, die in den psychosomatischen Einrichtungen behandelt werden. Eine ausführliche Darstellung des Krankheitsbildes ist an dieser Stelle kaum möglich. Auf die einschlägigen Lehrbücher sei hingewiesen. Eine Zusammenfassung findet sich in: Janssen, P. L.; Joraschky, P. ; Tress, W. „Leitfaden der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie“, Deutscher Ärzteverlag, Köln 2005.

Psychosomatische Krankheiten im engeren Sinne

Das sind somatische Erkrankungen, die in den somatischen ICD-10-Kapiteln verschlüsselt werden, bei denen psychosoziale Faktoren mitwirken können. Sie können in der Systhematik der ICD-10 nur unter F 54 zusammengefasst werden.

Psychokardiologie

Kardiovaskuläre Krankheitsbilder mit relevanter psychosozialer Mitbeteiligung sind z.B.:

Die Herz- und Kreislauferkrankungen sind die häufigsten Todesursachen in den industrialisierten Ländern. Nach einem Myocardinfarkt finden sich in etwa einem Drittel der Fälle depressive Syndrome. Depressive Störungen, aber auch leichtere depressive Verstimmungen erhöhen sowohl das Risiko, eine Koronarerkrankung zu erleiden, als auch, nach einem koronaren Ereignis vorzeitig zu versterben.

Relevante psychosoziale Folgen kardiovaskulärer Erkrankungen sind:

Bei den therapeutischen Möglichkeiten werden psychosoziale Therapien und Psychotherapien psychischer Störungen im engeren Sinn unterschieden:

Zu den psychosozialen Therapien gehören die Psychoedukation, Stressbewältigungstraining, z.B. Gruppengespräche undÜbung im Umgang mit Stresssituationen, Förderung der Krankheitsverarbeitung

Zu den Therapien psychischer Störungen im engeren Sinn gehören die Bearbeitung der maladaptiven Erlebnis- und Verhaltensmuster der Patienten und die Bearbeitung der psychischen Störung, z.B. der Depression mit Psychotherapie im regelhaften Sinne.

Chronische Darmerkrankung (Colitis ulcerosa und Morbus Crohn)

Diese Erkrankungen haben in Westeuropa eine hohe Inzidenz (Häufigkeit), sie betragen 1,8 bis 5,3 pro 100.000 Einwohner bei Morbus Crohn und 6,4 bis 15,1 bei Colitis ulcerosa. Ihr Ätiologie ist weitgehend unbekannt, z.B. Umwelteinflüsse, genetische Faktoren und Regerationsstörung des Immunsystems. Gesichert ist, dass psychische Störungen, wie z.B. Angst, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen und andere psychische epiphänomene (hinzutretende Umstände) bei langwierigen Krankheitsprozessen vorkommen und der Psychotherapie bedürfen.

Als psychotherapeutische Methodenkommen in Frage:

Die vorliegenden Ergebnisse berechtigen, Psychotherapien bei der Behandlung dieser Patientengruppe einzusetzen, um Rückfällezu reduzieren.

Psychosomatische Erkrankungen in der Dermatologie

Die Häufigkeit psychischer Probleme bei Hautpatienten wird mit 25 bis 30 % nach methodisch gut dokumentierten Erhebungen angegeben. Einige Hauterkrankungen sollen angegeben werden, bei denen psychische Faktoren nachgewiesen wurden und Psychotherapie indiziert sein kann:

  • Akne vulgaris
  • Artefakte der Haut
  • Körperdysmorphophobie (körperliche Missbildung)
  • Kollagenosen (Sklerodermie, Lupus erythematodes)
  • Kontaktekzem – Neurodermitis
  • Periorale Dermatitis („Mundrose“)
  • Psoriasis vulgaris
  • Trichotillomanie (zwanghaftes Haarausreißen)
  • Urtikaria (Nesselsucht).

Die Patienten können psychosozialversorgt werden:

  • In der Hautarztpraxis durch Psychosomatische Grundversorgung und Psychotherapie
  • In der Facharztpraxis
  • Durch Fachpsychotherapeuten ebenso wie in der psychosomatischen Ambulanz
  • Spezielle Psychotherapiemethoden sind bisher nicht entwickelt worden. Teilweise haben sich psychodynamische Psychotherapien oder Verhaltenstherapien wie auch Entspannungstherapien bewährt.

PsychosomatischeStörungen in der Gynäkologie

Psychosomatisch-gynäkologischeKrankheitsbilder sind:

  • Blutungsstörungen in Stärke und Häufigkeit
  • Primäre/sekundäre Amenorrhoe
  • Prämenstruelles Syndrom
  • Dysmenorrhoe (Menstruationsbeschwerden)
  • Fluor (Ausfluß)
  • Fluorgefühl
  • Pruritus (Juckreiz)
  • Pillenunverträglichkeit
  • Rezidivierende Unterbauchschmerzen
  • Harninkontinenz
  • Klimakterisches Syndrom
  • Funktionelle Störungen
  • Sterilität und Infertilität.

Psychosomatische und psychische Symptome in der Schwangerschaft und im Wochenbett sind:

  • Schwangerschaftsängste
  • Habituelle Aborte
  • Hyperemesis (übermäßiges Schwangerschaftserbrechen)
  • Präeklampsie
  • Drohende Frühgeburten
  • Gebärstörungen
  • Anpassungsstörungen im Wochenbett
  • Wochenbettdepressionen, Wochenbettpsychose
  • Stillschwierigkeiten – Eingebildete Schwangerschaft
  • Verdrängte Schwangerschaft.

Die gynäkologischen und geburtshelferischen Symptome können sowohl somatische als auch psychische und soziale Ursachen haben oder beides. Erst eine genaue Anamnese unter Berücksichtigung des bio-psychosozialen Krankheitsmodells ermittelt den Zusammenhang zwischen den Faktoren.

Es kommen psychotherapeutische Methoden in Frage, z.B. Einzel-, Paar- und Familiengespräche, verbale Intervention, übende und suggestive Verfahren, Beratung und Information zu den körperlichen Funktionen, psychodynamische Psychotherapie oder Verhaltenstherapien.

Weitere somatische Fächer

Auch in weiteren somatischen Fächern spielen psychosomatische Störungen eine Rolle, so z.B. in der Neurologie, in der Hals-Nasen- Ohren-Heilkunde, in der Orthopädie und in der Urologie.

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letzte Aktualisierung: 11.02.2010
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