Schliessen
akutklinik bad saulgau neu

medführer Startseite » Psychische Erkrankungen » Krankheiten » Persönlichkeitsstörungen » Hintergrund / Einleitung

Persönlichkeitsstörungen - Hintergrund / Einleitung

Persönlichkeitsstörungen

Was sind Persönlichkeitsstörungen?

Persönlichkeitsstörungen (PS) liegen vor, wenn Personen regelmäßig starre, unflexible und unzweckmäßige Eigenschaften und Verhaltensweisen zeigen, die von üblichen gesellschaftlichen Erwartungen abweichen und zu erheblichem Leid entweder auf Seiten des Betroffenen und/oder auf Seiten der Umwelt führen.

Für das Vorliegen von Persönlichkeitsstörungen müssen sich die abweichenden Erlebens- und Verhaltensweisen in mindestens zwei der folgenden Bereiche deutlich zeigen: (1) Kognition (Gedankenwelt), (2) Affektivität (Gefühlswelt), (3) Bedürfnisbefriedigung und Impulskontrolle, (4) Zwischenmenschliche Beziehungen und Art des Umgangs mit ihnen.

Diese Verhaltensmuster entwickeln sich meist schon in Kindheit und Jugendalter und bleiben über eine lange Zeit bestehen. Sie werden von den Betroffenen selbst häufig nicht als „Störung“ empfunden, anders als z.B. die Symptome einer Depression. Wenn sie die Folge einer anderen psychischen oder organischen Erkrankung (z.B. einer Funktionsstörung des Gehirns) sind, werden sie nicht als Persönlichkeitsstörungen bezeichnet.

Welche Persönlichkeitsstörungen gibt es?

10 spezifische Persönlichkeitsstörungen

Tab.: Es werden insgesamt 10 spezifische Persönlichkeitsstörungen unterschieden.

Fallbeispiel 1 zu Persönlichkeitsstörungen: Borderline-PS

Eine 35-jährige Krankenschwester stellt sich zur Aufnahme in ein Psychotherapieprogramm vor, sie berichtet offen über ihre Probleme und ist sehr rasch gut im Kontakt. Ihre größten Probleme seien extreme Anspannungszustände und starker Selbsthass, die meist gleichzeitig und von ihr unvorhersehbar aufträten. Diese Probleme bestünden, seit sie in ihrer Kindheit über einen langen Zeitraum von einem Verwandten regelmäßig sexuell missbraucht worden sei. Um ihre Anspannung zu regulieren, schneide sie sich in beide Arme und missbrauche Alkohol und Medikamente. Sie habe einen kleinen Bekanntenkreis, die meisten Beziehungen verliefen wechselhaft und kompliziert, nichts wünsche sie sich sehnlicher als eine feste Partnerschaft. Während der stationären Behandlung treten verschiedene Konflikte mit Mitpatienten oder Behandlern auf, da die Patientin sich sehr schnell zurückgewiesen und ungeliebt fühlt. Solche Situationen werden genau analysiert, zusätzlich erhält die Patientin intensive symptomorientierte Einzelund Gruppentherapie. Nach Behandlungsende ist sie in der Lage, Anspannung ohne Selbstverletzungen und ohne Substanzmissbrauch zu verringern. Probleme in Beziehungen und Selbsthass treten nach wie vor auf, die Patientin kann sich davon jedoch etwas besser distanzieren.

Fallbeispiel 2 zu Persönlichkeitsstörungen: schizoide PS

Der 31-jährige Herr P. ist Patient in der stationären Alkoholentwöhnung. Er wirkt sehr ruhig und zurückgezogen, schaut sein Gegenüber wenig an und reagiert kaum auf Scherze oder freundliche Ansprache. Zu seiner sozialen Situation gibt er an, dass sich die Mutter seines Kindes vor kurzem von ihm getrennt habe, den Grund dafür habe er nicht ganz verstanden. Er fände das natürlich schade, aber insgesamt seien ihm andere Menschen wenig wichtig, ihre Meinung über ihn sei ihm relativ gleichgültig, er komme am besten alleine zurecht und auch an einer sexuellen Beziehung läge ihm nicht sehr viel. Seit er vor zwei Jahren seine Arbeitsstelle als Maurer verloren habe, gehe er kaum unter Leute, allerdings sei in dieser Zeit der Alkoholkonsum sehr massiv geworden.

Fallbeispiel 3 zu Persönlichkeitsstörungen: selbstunsichere PS

Die 26-jährige Frau P. muss als gelernte Gärtnerin im Verkauf auch Kunden beraten. Dies falle ihr extrem schwer, sie habe Angst sich lächerlich zu machen, melde sich deshalb auch häufig krank und habe daher immer wieder Ärger mit ihrer Chefin. Auch privat sei sie extrem schüchtern, fühle sich Altersgenossen unterlegen, traue sich nicht, ihr wenig bekannte Personen anzusprechen und fühle sich meistens tapsig und unbeholfen. Nach einer zweijährigen Verhaltenstherapie mit dem Schwerpunkt auf dem Üben der vermiedenen Probleme (Kundenkontakt, private Kontakte (wieder) anknüpfen) kann sie ihre beruflichen Aufgaben sicher bewältigen und hat ein erfüllenderes Sozialleben. Sie bezeichnet sich jedoch nach wie vor als schüchtern und von Minderwertigkeitskomplexen geplagt.

Wie häufig sind Persönlichkeitsstörungen?

Etwa 11 % aller Deutschen leiden an einer PS. Insgesamt betrachtet sind Frauen und Männer gleich häufig von Pesönlichkeitsstörungen betroffen, allerdings gibt es für die einzelnen PS teilweise deutliche Geschlechtsunterschiede. Während Frauen z.B. mehr von der Borderline-PS oder der ängstlich-vermeidenden PS betroffen sind, treten dissoziale und zwanghafte Persönlichkeitsstörungen häufiger bei Männern auf.

Menschen mit PS haben im Vergleich zu Menschen ohne PS ein stark erhöhtes Risiko, an einer anderen psychischen Störung zu erkranken (z.B. Depression, Angststörung, Sucht). Zusätzlich verlaufen weitere psychische Erkrankungen bei ihnen häufig schwerer und komplizierter als bei Menschen ohne PS. Daher haben ca. 50 % aller psychisch kranken Patienten eine (zusätzliche) PS, wobei hier besonders häufig Borderline-PS und ängstlich-vermeidende PS auftreten. Allerdings ist es kaum möglich, während der akuten Phase einer psychischen Erkrankung eine PS sicher zu diagnostizieren; z.B. beschreiben sich fast alle akut depressiven Patienten als selbstunsichere Persönlichkeiten, erst nach dem Abklingen der Depression tritt auch die selbstsichere Seite wieder zu Tage. Für die Diagnostik von Persönlichkeitsstörungen stehen heute standardisierte Fragebögen zur Verfügung, die der Arzt mit dem Patienten gemeinsam ausfüllt.

Was sind die Ursachen von Persönlichkeitsstörungen?

Wie bei den meisten anderen psychischen Erkrankungen sind die Ursachen von Persönlichkeitsstörungen nicht eindeutig geklärt. Sicher ist jedoch, dass sie aus einem Zusammenspiel von Umwelt (Erziehung, Umgebung) und Anlagefaktoren (Gene, Erbgut) entstehen.

Wie verlaufen Persönlichkeitsstörungen?

Typischerweise zeigen sich die gestörten Persönlichkeitsmuster ab der Kindheit oder Jugend des Betroffenen und bleiben in ihrer Besonderheit relativ stabil. Ob der Betroffene (und seine Umwelt) unter diesen Mustern jedoch stark leidet bzw. inwieweit sie echten „Störungswert“ erhalten, hängt stark von äußeren Lebensumständen, Lebensanforderungen und den Bezugspersonen des Betroffenen ab. Insbesondere im Zusammenhang mit gravierenden Umstellungen wie Umzug, Arbeitsplatzwechsel oder Wechsel in den Bezugspersonen, die Flexibilität und Problemlösefähigkeiten erfordern, können Menschen mit Persönlichkeitsstörungen in große Schwierigkeiten geraten. So kann bspw. eine junge Frau mit ängstlich-vermeidender PS ihre sozialen Rollen relativ gut erfüllen, so lange sie in der Nachbarschaft ihrer Eltern lebt, im Betrieb eines alten Freundes der Familie ihre Ausbildung absolviert und vorwiegend Kontakt zu ehemaligen Schulkameradinnen hat. Der Umzug zum 50 km weit entfernt lebenden Partner, verbunden mit einem Arbeitsplatzwechsel sowie der Notwendigkeit, sich in einer neuen sozialen Umgebung zurechtzufinden, kann jedoch zu ausgeprägten Problemen, Ängstlichkeit, Grübeln, Mutlosigkeit und Verzweiflung bis hin zum Vollbild einer Depression führen. Die meisten Persönlichkeitsstörungen verlaufen chronisch, wobei bei ca. 30 % der Betroffenen von einem sehr ungünstigen Verlauf mit ausgeprägten Beeinträchtigungen zu rechnen ist. Ca. 50 % der Patienten können von einer Therapie sehr profitieren.

letzte Aktualisierung: 21.07.2014

Autor
Autor

Dr. Gitta Jacob

Zur Webseite
Autor

Univ.-Prof. Dr. med. Klaus Lieb

Zur Webseite
Als Autor anmelden

Spezialisten finden

Hier finden Sie Ihren Psychiater und Psychotherapeuten

Ärzte fragen

Sie suchen einen Spezialisten?
medführer hilft Ihnen weiter.
Senden Sie Ihre Anfrage an unsere Ärzte in Kliniken und Praxen.

zum Anfrageformular

Anzeigen Service