Ruhe, Entlastung und Verbände in der Behandlung von Krankheiten des Bewegungsapparates
Ein schmerzhafter, überlasteter, entzündeter oder infizierter Körperteil benötigt meist Ruhe. Häufig genügen schon Reduktion der gewohnten Beanspruchung oder Bettruhe. Ruhigstellung (Immobilisation) erfolgt lokal mit Hilfe von Schienen oder Verbänden, an der Wirbelsäule durch Mieder oder Korsette. Da Immobilität stets mit Stagnation der lokalen Zirkulation und des Stoffwechsels einhergeht, führt sie nach einiger Zeit zu Gewebsschäden mit Atrophie, Schrumpfung, Verwachsungen (sog. Ruheschäden) und sollte daher immer nur als Mittel zum Zweck, also nicht länger als nötig durchgeführt werden.
Entlastung ist nicht gleichzusetzen mit Ruhigstellung. Zum Beispiel kann ein erkrankter Gliedmaßenabschnitt durch Verband oder Orthese entlastet, die Beweglichkeit aber beibehalten werden.
Die Lagerungsbehandlung dient der Einhaltung einer bestimmten Stellung zur Schmerzlinderung, Entspannung, Verhütung von Kontrakturen. Hilfsmittel dazu sind u.a. Kissen, Matratzenteile (z.B. Stufenlagerung bei Ischias!), Schienen, Gipsschalen. Verbände sind notwendig, um Gliedmaßen oder Rumpf zu stützen, zu fixieren, zu entlasten, zu komprimieren, zu extendieren oder um erreichte Stellungskorrekturen zu erhalten. Die Verbandtechnik spielt daher gerade in der Orthopädie eine große Rolle.
- Komprimierende Verbände kommen vor allem an den Extremitäten bei Schwellungen und Varikose, an den Gelenken bei Ergüssen, nach Distorsionen und Prellungen in Betracht. Tape-Verbände, die ein Gelenk durch Dachziegelartig überlappende und entsprechend gerichtete Bindenführung gleichzeitig stützen und schmerzhafte Bewegungen ausschalten, leisten besonders in der sportlichen Praxis gute Dienste. Als Material dienen in der Regel elastische Binden, Elastoplast oder Zinkleim. Auch Fertigbandagen und Stützstrümpfe aus elastischen Textilien sind gut geeignet.
- Für feste Verbände ist der Gipsverband seit 150 Jahren wegen seiner Eigenschaften (vor allem Luftdurchlässigkeit und leichte Bearbeitungsmöglichkeit) unübertroffen. Er wird heute bei vielen Gelegenheiten durch leichtere und wasserfeste Kunststoffverbände ersetzt. Zur Fixation von Frakturen oder als Lagerungsschale wird der Verband gewöhnlich ungepolstert angelegt, vorspringende Knochenteile und oberflächlich verlaufende Nerven (z.B. am Fibulaköpchen!) müssen durch Watte- oder Zellstoffpolster geschützt werden. Für die Gliedmaßenruhigstellung nach Operationen und nach Stellungskorrekturen, bei denen noch mit einer gewissen Schwellung zu rechnen ist, muss stärker gepolstert bzw. der Verband aufgeschnitten (gespalten) werden, oder es sollte während der Schwellperiode ganz auf zirkuläre Verbände verzichtet werden (Schalenverband). Unerlässlich sind in jedem Falle ein gutes Anmodellieren, die Vermeidung von Druckstellen und die sorgfältige Kontrolle der Gefäß- und Nervenfunktionen nach dem Hartwerden des Verbandes durch den Arzt!
- Spezielle Gipsverbände
- Gehgips mit Einbau eines Gummi-, Kunststoff- oder Holzpuffers an der Sohle. Der entlastende Gipsverband soll bestimmte Gliedabschnitte vom Körpergewicht befreien. So kann die Belastung, z.B. am Tuber ischiadicum oder an den Tibiakondylen, abgefangen werden.
- Mit Quengelverbänden können Gelenkkontrakturen mit unterschwelligen Drehungsreizen umgestellt werden. Wegen damit verbundener Risiken kommen sie heute nur noch selten zur Anwendung.
- Umstellgipsverbände haben heute nur noch sehr selten ihre Indikation. Sie dienen zur Korrektur von Achsenknickungen an langen Diaphysen oder auch zur Gelenkumstellung.
- Mit speziellen Umkrümmungsgipsverbänden können Verbiegungen der Wirbelsäule behandelt werden.
- Streckverbände: Eine Extension kann ausgeführt werden mit einfachen Zugmanschetten an Fußknöcheln oder am Handgelenk (Manschettenextension) oder mit einem U-förmig um die Extremität gelegten Drellstreifen, der als Gleitschutz an seiner Unterseite einen Belag von Schaumgummi trägt und mit elastischen Binden festgewickelt wird („Gummigurt-Extension“).
- Zinkleim-Gipsverband: Über einen das ganze Bein umfassenden frischen Zinkleimverband wird ein Gips angelegt, in den ein Zuggurt eingearbeitet wird (bewährt sich besonders bei kleinen Kindern als hautschonender, zugsicherer Verband).
- Draht- oder Nagelextension: Sie gestattet den stärksten und sichersten Zug: Ein Kirschner-Draht oder Steinmann-Nagel wird durch die Femurkondylen, den Tibiakopf, das Fersenbein oder das Olekranon gebohrt und über einen bestimmten Bügel mit dem Zugseil verbunden.
- Eine Extension kann auch an der Wirbelsäule angelegt werden: durch Beckengurt mit Zugrichtung nach kaudal oder für die Hals- und obere Brustwirbelsäule mit Hilfe einer Crutchfield-Zange oder eines Kalottenrings („Halo“) am Schädel.
letzte Aktualisierung: 04.02.2012