Brustfellkrebs und Asbest-bedingte Krebserkrankungen der Lunge
Brustfellkrebs – auch unter dem Fachbegriff malignes Pleuramesotheliom (MPM) bekannt – ist eine in der Regel nicht heilbare Erkrankung, die meist nach einer vorangegangenen Asbestexposition auftritt. Pro Jahr erkranken in Deutschland rund 1000 Menschen neu an Brustfellkrebs, wobei das mittlere Erkrankungsalter bei über 60 Jahren liegt und Männer viermal häufiger als Frauen betroffen sind. Die häufigsten Symptome bei Brustfellkrebs sind Atemnot, Brustschmerzen, Husten und unspezifische Beschwerden wie Nachtschweiß, Abgeschlagenheit und ungewollte Gewichtsabnahme.
Definition von Brustfellkrebs
Brustfellkrebs (Fachbegriff:
malignes Pleuramesotheliom) ist eine Erkrankung, die vom sogenannten Mesothel ausgeht. Dabei handelt es sich um einen dünnen einschichtigen Zellüberzug, also eine Art
Haut, die sowohl die
Lunge überspannt (Lungenfell), als auch die Innenseite der Brusthöhle auskleidet (Rippenfell). Aufgabe dieser ca. 0,2 mm dicken, im Regelfall von einem dünnen Flüssigkeitsfilm überzogenen
Haut ist, während der Ein- und Ausatmung ein reibungsloses Gleiten der Lungen in der Brusthöhle sicherzustellen. Die
Lunge ist dabei in einem relativen Unterdruck im Pleuraraum (Brusthöhle) aufgehängt und folgt bei der Ein- und Ausatmung passiv den Atembewegungen des Brustkorbes.
Auswirkungen von Brustfellkrebs
Jeder krankhafte Prozess am Rippenfell, ob Entzündung (Pleuritis), Verletzungen oder aber ein Wachstum von fremdem Gewebe (z.B. Brustfellkrebs), kann zu einer überschüssigen Bildung von Flüssigkeit führen, die sich dann als Wasseransammlung (Pleuraerguß) äußert. Diese krankhafte Wasseransammlung kann je nach Ausmaß aufgrund der Verdrängung der
Lunge im starren Brustkorb zu Atemnot und Brustschmerzen führen. Dies sind somit auch die häufigsten ersten Symptome von Brustfellkrebs.
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| Abbildung 1: Videothorakoskopischer Befund bei malignem Mesotheliom: endoskopischer Blick auf das Lungenfell (Pleura viszeralis) mit zahlreichen warzenförmigen Tumorknötchen (Pfeil), im Hintergrund erkennbar das ebenfalls tumorbefallene Rippenfell (Pleura parietalis); Aufnahme: Herr Dr. med. A. Fertl, Asklepios Lungenfachklinik, Gauting |
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Ausbreitung des Tumors bei Brustfellkrebs
Der Tumor breitet sich beim Brustfellkrebs in der Regel zunächst flächenhaft nur über dem Rippenfell aus, kann auf das Lungenfell übergreifen und wie ein Panzer zu einer zunehmenden Einschränkung der Ausdehnungsfähigkeit der betroffenen
Lunge führen. Die
Lunge selbst wird oft erst spät im Krankheitsverlauf des Brustfellkrebs direkt durch den Tumor geschädigt. Das flächenhafte Wachstum dieses bösartigen Tumors macht hier sowohl die Diagnosestellung, als auch die Behandlung von Brustfellkrebs schwierig.
Ursachen von Brustfellkrebs
Die Mehrzahl der Brustfellkrebs-Erkrankungen, bestimmte Erkrankungen von Rippenfell und
Lunge, aber auch Lungenkrebserkrankungen stehen mit einem früheren Asbestkontakt im Zusammenhang. So hatten 8 bis 9 von 10 (80 bis 90 Prozent) Patienten mit Brustfellkrebs zumeist beruflich im Laufe ihres Lebens mit Asbest zu tun. Da ein klarer ursächlicher Zusammenhang zwischen Asbestkontakt und dem Auftreten dieser sonst eher seltenen Krankheit besteht, gilt er als sogenannter Signaltumor für eine sogenannte Asbestexposition. Jeder Patient mit vermutetem oder gesichertem Brustfellkrebs muss deshalb genauestens nach einem Asbestkontakt befragt werden, da u.U. Ersatzansprüche gegenüber der gesetzlichen Unfallversicherung geltend gemacht werden können.
Was ist Asbest und wieso verursacht es Brustfellkrebs?
Unter Asbest wird eine Gruppe faserförmiger, ganz natürlich in der Erdkruste vorkommender anorganischer kristalliner Mineralien, sog. Silikate, zusammengefasst. Sie wurden wegen ihrer hervorragenden Dämmeigenschaften und Hitzebeständigkeit bis Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts großzügig in der Industrie eingesetzt. In bestimmten Regionen der Erde, so z.B. in der Türkei/Zentralanatolien, gibt es auch natürliche Umweltbelastungen durch Asbest, die zu gehäuftem Auftreten von Brustfellkrebs führen können.
Eingeatmete Asbestfasern können nach Ablagerung (Deposition) in den Atemwegen (Respirationstrakt) nur sehr schwer wieder entsorgt werden. Sie lösen in der
Lunge Vernarbungsprozesse (Fibrosierungen) aus und haben darüber hinaus auch krebserregende Eigenschaften. Brustfellkrebs stellt neben dem Lungen- und
Kehlkopfkrebs die häufigste Asbest-bedingte und als Berufskrankheit anerkannte Krebserkrankung dar. Im Folgenden soll ein Überblick über die Asbest-induzierten bösartigen Erkrankungen der
Lunge und des Rippenfells (
Pleura) und deren Diagnostik und
Therapie gegeben werden, wobei der Schwerpunkt auf dem Brustfellkrebs (
malignes Pleuramesotheliom) liegt.
Berufliche Asbestexposition und bösartige Neubildungen wie Brustfellkrebs
Asbest wurde bereits seit dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts sehr vielseitig industriell genutzt. Beim Umgang mit Asbest werden faserförmige Stäube freigesetzt, die wegen ihrer Länge von 5 bis 8 µm und ihrer Stärke von etwa 3 µm nach Einatmung im gesamten Atmungstrakt abgelagert werden und bis in die feinsten Atembläschen (Alveolen) gelangen. Nicht über den natürlichen Reinigungsmechanismus entsorgte Fasern können wegen ihrer kritischen Größe später weder abgebaut noch ausgeschieden werden. Dabei gibt es Unterschiede in der Gefährlichkeit (Pathogenität) zwischen Asbestsorten in Abhängigkeit von Fasergröße und –aufbau. So gilt der am häufigsten verwendete Weißasbest (Chrysotil) als weniger schädlich als andere Asbestarten wie z.B. Blauasbest (Krokydolith). Abgelagerte Asbestfasern können aufgrund ihrer nadelförmigen Struktur durch das Lungengewebe bis hin zum Lungenfell (
Pleura) wandern, was zu einer Ansammlung von Fasern im lungenfellnahen Lungengewebe im äußeren Lungenmantel und auch zum Übertritt von Fasern in den Pleuraspalt führt (sog. Pleuradrift).
Schon früh hatte man erkannt, dass Asbeststäube Erkrankungen an
Lunge und Rippenfell verursachen können. Bereits 1942 wurde
Lungenkrebs bei Asbestarbeitern als Berufskrankheit anerkannt, 1960 folgte eine erste Fallserie über
Rippenfellkrebs bei asbeststaubexponierten Arbeitern und auch deren Angehörigen, die indirekt über verschmutzte Kleidung dem Asbest ausgesetzt waren. Dennoch dauerte es bis 1981, bis die Politik in Deutschland aktiv wurde und bis 1993, bis Asbest gegen den Widerstand der Industrie tatsächlich bei uns verboten wurde. Seither sind hierzulande zehntausende Menschen an asbestbedingten Malignomen wie etwa Brustfellkrebs erkrankt und viele verstorben.
Brustfellkrebs und Lungen- und Kehlkopfkrebs als Asbestfolgeerkrankungen
Es gibt in Deutschland zwei Gruppen von bösartigen Asbestfolgeerkrankungen, die auch als Berufskrankheiten (BK) anzeigepflichtig, anerkannt und entschädigungsfähig sind: die BK Nr. 4104 umfasst den Lungen- und
Kehlkopfkrebs, die BK Nr. 4105 den Brustfellkrebs in Verbindung mit Asbest.
Lungenkrebs wird anerkannt in Verbindung mit beruflich bedingter Asbeststaublungenerkrankung, Asbeststaub verursachter Erkrankung der
Pleura oder bei Nachweis einer entsprechend stattgehabten Asbestexposition (≥ 25 Faserjahre), die sich aus Intensität und Dauer der Asbeststaubbelastung ermitteln lässt. Brustfellkrebs kann bereits nach wenigen Wochen einer Exposition ausgelöst werden, die Latenzzeit bis zum Auftreten der Erkrankung beträgt aber 20 bis 50 Jahre.
Asbest-induzierte Lungenkarzinome
Durch Asbest verursachte Lungenkarzinome lassen sich grundsätzlich nicht von Lungenkrebserkrankungen anderen Ursprungs unterscheiden, es greifen hier deshalb dieselben Empfehlungen zu Diagnostik und
Therapie. Entscheidend ist, ggf. bei betroffenen Lungenkrebspatienten nach einer etwaigen beruflichen Exposition zu fragen, bzw. auf andere radiologische Zeichen der Asbestexposition, wie narbige (fibrotische) Lungenveränderungen oder Veränderungen des Rippenfells zu achten. Im Zweifelsfall sollte eine gutachterliche Klärung über die zuständige Berufsgenossenschaft (BG) angestrebt werden, denn Patienten mit als BK anerkanntem
Lungenkrebs haben Anspruch auf Entschädigungsleistungen durch die BG. Bereits bei Nachweis einer nur mikroskopisch sichtbaren Minimalasbestose besteht ein deutlich erhöhtes Lungenkrebsrisiko bzw. kann hierdurch ein Zusammenhang zwischen einem Lungenkarzinom und einer Asbestexposition hergestellt werden. Anzumerken ist, dass Raucher unter gleichzeitiger Asbestexposition im Vergleich mit Rauchern ohne Asbestkontakt ein nochmals drastisch höheres Lungenkrebsrisiko aufweisen.
Das Mesotheliom gilt als der Signaltumor einer stattgehabten Asbestexposition schlechthin. Davon betroffen sein können neben dem Rippen- auch das Bauchfell (Peritoneum) sowie die feinen (serösen) Häute, die
Herz (
Perikard) und Hoden umspannen. Die Häufigkeit (
Inzidenz) in Westeuropa liegt bei 12 bis 30 pro 1 Million Einwohner pro Jahr, in Deutschland treten so pro Jahr über 1000 Neuerkrankungen auf. Die Mehrzahl der Mesotheliome (82-90 Prozent) gilt dabei auch als asbestassoziiert. Zum Vergleich werden bei uns pro Jahr etwa 46.000 Fälle Lungen- und 70.000 Dickdarmkrebsfälle neu diagnostiziert. Jedes Mesotheliom sollte als Verdachtsfall einer Berufskrankheit (BK) angezeigt werden, 900 Fälle finden zurzeit bei uns pro Jahr auch Anerkennung als BK. Das Mesotheliom ist damit als BK Nr. 4105 die häufigste anerkannte
maligne Berufserkrankung.
Im Gegensatz zu Karzinomen, die aus Oberflächengeweben stammen, handelt es sich beim Brustfellkrebs (
malignes Pleuramesotheliom, MPM) um eine sog. mesenchymale Neubildung, die aus entartetem Mesothel, also einem Binde- bzw. Stützgewebe, hervorgeht. Viel seltener kommen Mesotheliome auch am Bauchfell und im Herzbeutel (
Perikard) vor. Aufgrund der sehr langen Zeitspanne (Latenz) zwischen krankheitsauslösendem Asbestkontakt (Exposition) und Krankheit nimmt Brustfellkrebs trotz Asbestverbots weiter zu, der Häufigkeitsgipfel wird voraussichtlich spätestens 2030 überschritten sein. Das mittlere Erkrankungsalter bei Brustfellkrebs liegt bei über 60 Jahren, Männer sind viermal häufiger betroffen als Frauen.
letzte Aktualisierung: 28.05.2012
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